Wie man aus seinem Schicksal ausbricht

…dies zeigte mir gerade erst das wundervolle Hörbuch „Gebete für die Vermissten“ von der Autorin Jennifer Clement. Gebete fuer die Vermissten von Jennifer Clement

Das bedrohliche Schicksal

Die Heldin dieses kleinen Juwels ist das Mädchen Ladydi. Ladydi wächst in einem mexikanischen Gebirge, in relativer Nähe zu Acapulco aber dennoch inmitten von Mais- und Mohnfeldern auf. Das Besondere an diesen Bergdörfern ist – es gibt keine Männer. Diese sind auf der Suche nach Arbeit über die Grenze gegangen oder längst tot, sei es weil sie in Mafiageschäfte verwickelt wurden, sei es weil sie sich totgetrunken haben, diese traurigen Schicksale sind zahlreich. Und sie haben eine sehr unwillkommene Konsequenz für die Frauen und Mädchen der Dörfer. Sie werden regelmäßig von Drogenhändlern attackiert, die auf der Suche nach jungen Mädchen die Dörfer durchkämmen. Was aus diesen Mädchen wird, wird nicht offen ausgesprochen, die Drohung ist aber den Akteuren wie dem Leser glasklar.

Die Verzweiflung treibt die Mütter an, neugeborene Töchter als Jungen auszugeben, sie später als Jungen zu verkleiden oder sie in Erdlöchern verstecken, sobald am Horizont die schwarzen Geländewagen der Drogenhändler auftauchen.

Ladydi und ihre Freundinnen – Maria, Paula und Estefania – träumen natürlich von einem anderen Leben, sind aber zu Beginn unserer Geschichte hilflos und mutlos. Konkrete Ideen zu einem Ausbruch gibt es keine. Kleine Freiheiten werden heimlich ausprobiert – denn selbst ein harmloser Spaziergang könnte mit einer Entführung in eine gewaltbestimmte Zukunft enden.

In die Haut der Heldin schlüpfen

Unsere Heldin Ladydi erzählt aus ihrer Perspektive und ist dabei so authentisch, dass es mir nicht schwer fiel in ihre Haut zu schlüpfen. Die Formulierungen und die Sprache sind recht schlicht, die Beobachtungen aber messerscharf analytisch und gnadenlos in ihrer Zuordnung zu den sie umgebenden Menschen und Umweltfaktoren.

Sehr intensiv werden zum Beispiel die Beziehungen zwischen Ladydi und ihrer Mutter, aber auch zu ihren Freundinnen Maria und Paula ausgearbeitet. An deren Schicksalen werden die Gefahren für die Frauen greifbar. Der Vater von Ladydi ist zwar von Beginn der Erzählung an körperlich abwesend, da aber Ladydi uns stets in Rückblicke mitnimmt, wird ihre Liebe zu ihm und wie sehr sie ihn vermisst immer präsenter. Präsent wird auch sein Verrat an der Familie, Mutter wie Tochter.

Durch notorisches Fremdgehen und das sein Verschwinden stößt er sie in dieselbe Misere, in der die anderen Frauen der Bergdörfer stecken. Mir ist es beim Lesen sehr nahe gegangen, wie sich die Gefühlswelt, die Ladydi gegenüber ihren Eltern hegt, verschiebt. Die Emotionen schwanken hin und her je klarer die einzelnen Schuldpuzzleteile der elterlichen Trennung ineinandergreifen und je klarer wird, dass kein Elternteil so gänzlich unschuldig an Ladydis Situation ist.

Gut gefallen hat mir auch der Umschwung in der Geschichte, in der Ladydi doch in eine aktive Rolle wechselt und trotz aller Ängste und Gefahren eine Reise nach Acapulco antritt, um dort Geld zu verdienen. Die Autorin treibt an der Stelle die Spannungskurve auf die Spitze, indem Ladydi durch einen nahen Bekannten in einen Drogendeal verwickelt wird.  Plötzlich sieht sie sich unfreiwillig mit den Menschen konfrontiert, vor denen sie ein Leben lang weggelaufen ist…

Ausgang der Geschichte wird natürlich nicht verraten.

Zuletzt sei noch die Vorleserin Nina Hoss gelobt. Ein Teil der Leichtigkeit, mit der der Leser in Ladydis Haut fährt, ist ja schließlich auch der Passung von Stimme und Betonung der vorlesenden Person zuzuschreiben. Nina ist eine tolle Besetzung für das schwierige Thema des Buchs nicht zuletzt auf Grund ihrer Aktivität für Terre des Femmes und ihrer ständigen schauspielerischen wie menschlichen Auseinandersetzung mit Frauenschicksalen (z.B. in Filmen wie „Anonyma“ oder „Barbara„).

Perfekt für…

Das Buch bzw. in diesem Fall das Hörbuch ist für Leserinnen (ich schreibe diesmal mit einer gewissen Absicht nur in weiblicher Form) jeden Alters ein Genuss. Wer gerne Nischenwelten unserer Erde literarisch bereist ist hier gut aufgehoben ebenso wie Leserinnen, die gerne miterleben, wie Heldinnen wider alle Wahrscheinlichkeit vorgezeichnete tragische Lebensläufe mutig wandeln. Auch das eine oder andere männliche Wesen wird dieser Geschichte mit Spannung folgen, dennoch ist es eher ein Frauenbuch.

Da Jennifer Clement in Mexiko über 10 Jahre lang Interviews geführt hat mit von Drogenkriegen und Armut betroffenen Frauen – als Basis für dieses Buch – empfehle ich dieses Werk an diejenigen Bücherwürmer, die gute Recherche und Authentizität fantastischen Begebenheiten vorziehen. Wer mehr hierzu lesen möchte, kann auch die englischsprachige Webpage von Jennifer konsultieren.
Erschienen ist es in der Random House Group – Random House Audio Verlag. Kaufoptionen findet Ihr – sofern Ihr Lust auf das Hörbuch bekommen habt – hier.

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