Von Lebenswendepunkten und Lebensorten

Kennt Ihr das auch? Manchmal trifft man Menschen und der erste Eindruck ist irgendwie vage. Unentschieden. Man kann gar nicht sagen, ob das Gegenüber einem sympathisch ist oder nicht. Nach dem zweiten oder dritten Treffen jedoch, entdeckt man mehr und mehr Gemeinsamkeiten und einnehmende Aspekte an dieser Person und entschiedet sich denjenigen/diejenige zu mögen.

So ging es mir auch mit dem Debüt von Doris Anselmund in dem Moment holt meine Liebe zum Gegenschlag aus„. Hierin kreiert die Autorin ein ganzes Kaleidoskop aus Lebensmomenten variierender Personen, die für einen Umbruch im Leben gesorgt haben.

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Cover (c) Luchterhand

Der erste sympathiefördernde Moment zwischen mir und dem Buch entstand mit der Kurzgeschichte „Was Würde Amy Tun„.
Wie in allen Anselm´schen Kurzgeschichten steigen wir in eine ausschnitthafte Gedanken- oder hier Erinnerungswelt der Protagonistin ein. Die junge, im Leben gut situierte, Frau erhält eine SMS von einer alten Schulbekanntschaft aus einem USA-Austausch. Indem sie ihren Erinnerungen an diese Begegnung folgt, lernen wir als Leser wie unsere Protagonistin sich mit einer streng-religiösen Gemeinschaft und der ausgesprochen prüden Austauschfreundin konfrontiert sah. Und sich durch deren Sicherheit in sich und der Welt provoziert fühlte. Die Provokation hat sie zu einer extremen Tat – einem Diebstahl – verleitet, der für einen tiefen Bruch in der Beziehung sorgte.

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(c) Clarisse Meyer

Jetzt, sprich Jahre später, erfahren wir mit dem SMS-Austausch der beiden jungen Frauen, dass die damalige Tat nicht nur einen Bruch in der Freundschaft bewirkt hatte, sondern noch tiefere Spuren in der Freundin hinterließ. Verletzungsspuren und vor allem tiefe Zweifel schienen die Folge.

Oder war doch alles nur Zufall?

Kann eine einzelne kleine Teenager-Missetat massive Folgen für ein gesamtes Leben haben?

Derartig ausgeprägte Fragen hinterließ die Geschichte und weckte in mir Respekt vor der gelungenen Konstruktion der Geschichte sowie Neugier auf mehr Ideen aus der Anselm´schen Feder.

Ich brauchte nicht lange warten. Nahezu jede der nachfolgenden Kurzgeschichten überraschte mich erneut. Durch präzise ausgewählte Verortungen der einzelnen Szenen und exzellent durchdachte schnelle Entwicklung jeder einzelnen Handlung. Das ganze mit einer Prise bissigem Humor. Die Auswahl der Orte bildet ferner ein fein analysiertes Abbild städtischen Lebens der heutigen 20-somethings.

Stilistisch glänzt das Debüt durch die hohe Kunst über ausschnitthafte und inkomplette Sätze ein Lichtbild der Innenwelt der Erzähler zu erschaffen. Ganz als ob man eine Computertomographie von einzelnen Gedanken der Erzähler in deren Alltagssprache erstellen würde. Das muss man können, ohne zu gewollt zu erscheinen oder den Leser ganz zu verlieren.

Hier ist es gelungen.
Daher ein literarischer Daumen hoch von mir und ich verlinke gern auf den Luchterhand Verlag, in dem das Werk erschienen ist.

Übrigens: Wer noch eine schöne Lesung in der herbstlich kühlen Jahreszeit sucht – Doris Anselm ist auf Lesetour. Unter anderem in Berlin und Kiel. Einen Lesetrailer gibt es auch.

Mit dieser Leseempfehlung wünsche ich Euch – liebe Bibliophile – einen guten Start in die Woche.

Eure Kasia – Buchstabendrechsler

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