Buch über Wandel und die Macht des Willens

Buchtitel: Die Schachspielerin
Autorin: Bertina Henrichs

Die Rezension zur Schachspielerin ist mein Start in die Weltenbummlerchallenge 2017. Wir beginnen also auf Naxos (Griechenland) und begegnen Eleni.
Eleni ist ein Zimmermädchen mit einem für diese kleine Urlaubsinsel traditionellem, unspektakulärem Lebenslauf.
Sie ist vor Ort groß geworden, früh aus der Schule ausgeschieden und hat den ersten passenden Mann geehelicht, von dem ein Antrag kam. Mittlerweile ist Eleni zweifache Mutter von Teenagerkindern und hängt in ihrer täglichen Arbeit als Zimmermädchen in einem der lokalen Hotels gern ihren eigenen Gedanken über die Touristen und die weite Welt nach.

Der bahnbrechende Impuls

Ein unerwarteter Zwischenfall in ihrer exakten Routine lenkt sie aus der Bahn. wp_20170115_11_40_42_proEleni fängt an, sich für ein scheinbar weltgewandtes Pariser Pärchen zu interessieren und stößt aus Versehen in deren Zimmer beim Bettenmachen eine Schachfigur auf einem Schachbrett um. Überfordert von der Situation, wohin sie nun diese Figur zurückstellen soll, lässt sie das Schachspiel und die damit verbundenen Phantasien immer mehr ihre Gedankenwelt beherrschen.
Wir lernen bereits an dieser Stelle im Buch wie eingepfercht Elenis Gemüt in den Alltagstraditionen ihrer Heimat funktioniert. Ihr Interesse an dem Schachspiel ist anfangs nicht selbstbezogen. Um einen inneren Konflikt mit ihren Gewohntheiten und den Erwartungen anderer zu meiden, schmiedet sie zu Beginn den Plan, ihrem Mann ein Schachspiel zum Geburtstag zu schenken. So – das ist die herrliche Ausrede – könnten sie beide was Neues erlernen. Allein der Kauf eines Schachspiels wird zu einem Spießroutenlauf in dem Inselstädtchen, in dem jeder jeden und alles sieht.

Der Trick ist ein Verbündeter

Die Not, ihr Interesse am Schachspiel und den Kauf selbst zu verheimlichen, lässt Eleni nach einem Verbündeten Ausschau halten.
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Ein Duft aus der Ferne

Buchtitel: Der Geruch von Häusern anderer Leute

Autor: Bonnie-Sue Hitchcock

Ist schon klar, das Buch von Bonnie-Sue Hitchcock ist eigentlich ein Buch für besonders junge Leser – findet sich eigentlich in der Sparte Jugendbuch im Netz wieder. Aber wer sagt denn, dass man bei 30+ nicht trotzdem dem Genre etwas abgewinnen kann und mit Freude darin schmöckert? Ich habe dies zumindest getan.der-geruch-von-husern-anderer-leute

Atmosphäre & Stil

Der Geruch von Häusern anderer Leute“ zaubert mit einem einfachen Stil und unkomplizierter Sprache eine dichte Atmosphäre. Das Buch besteht aus Erzählungen von mehreren Protagonisten. Wir begleiten diese jungen Menschen von Kind an bis in deren Jugend hinein – ohne langwierige, nahezu historische Erzählungen. Es sind eher kurze Einblicke und Ausrisse aus deren Leben. Stets blendet die Geschichte dort ein, wo es für den- oder diejenige besonders prägsam wird. Durch ausgezeichnete Wortwahl steige ich zumindest als Leserin trotz der Kürze gleich in die Wahrnehmung und Emotionswelt des jeweiligen Erzählers ein.

Die Plots des Buchs

Sei es die erste Einleitung, die erläutert wie Ruth mit ihrer Schwester dazu kommt von deren verkrampft religiöser, aber pflichtbewusster Großmutter großgezogen zu werden. Oder sei es die innere Auseinandersetzung von Alyce, die zwischen dem bildungsfernen Vater sowie dessen Leben als Fischer und ihrem eigenen Talent als Tänzerin wählen muss.

Weiter begegnen uns Dora, die bei einer liebevollen Nachbarsfamilie Unterschlupf vor einem prügelndem Vater gefunden hat und drei Ausreißerbrüder.
Die Geschichten der Erzähler verwickeln sich geschickt und so wird man ebenso geschickt in die einzelnen Plots reingezogen ohne die Spannung rund um den vorherigen zu verlieren.
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Kindliche Helden

Buchtitel: Das letzte Kind

Autor: John Hart

Was ist das? Worum dreht es sich hier?
Lange lässt John Hart seine Leser im Glauben, dass es sich um eine lange vor sich hingärenden Racheakt eines traumatisierten Kindes/Jugendlichen dreht, was hier produziert wurde. Erst die Perspektivenwechsel zwischen den Erzählern lassen nach und nach Zweifel zu, ob denn der Schein nicht doch trügt.

Plot nochmal in Kürze

Ein 13-jähriger Junge, der als Einziger dasletztekindnach dem tragischen Verschwinden seiner Zwillingsschwester, nicht vollständig zu Bruch geht. Der Vater verschwand von der Bildfläche kurz nach dem geheimnisvollen Unglück und die Mutter ergab sich in eine unheilvolle Drogenabhängigkeit. Nur er bleibt verbissen, wütend und klug „am Ball“. Am Racheball um es genauer zu formulieren. Auf der unaufhörlichen Suche nach der Auflösung des Verschwindens deckt er nach und nach Untiefen und Verbrechen der Kleinstadt auf bis zum Finale.

Seine Erzählperspektive ist hierbei nur eine von mehreren. Die Mutter der beiden Kinder, ein wohlwollender Ermittler und ein geheimnisvoller Fremder seien als andere Beispiele benannt.

Was macht die Spannung aus?

Diese Abwechslung ist ein erfolgreiches stilistisches Mittel, die Spannung in diesem Werk tatsächlich bis zum Unerträglichen hochzutreiben. Die Charaktere sind durch ihre Interaktionen im Buch so gut und überzeugend gezeichnet, dass die Identifikation mit der Wut und der Verzweiflung v.a. des Hauptakteurs nicht ausbleibt.
Spätestens ab dem Punkt legt man es nicht mehr aus der Hand.
Eines der absolut besten Bücher, die uns die letzten drei Jahre in die Finger gefallen sind.

Trau ich mich?

Buchtitel: Die amerikanische Nacht

Autor: Marisha Pessl

Seit Zafons Meisterwerken hat kein Mysterythriller für eine solche Atemlosigkeit gesorgt wie das neue Buch von Marisha die-amerikanische-nachtPessl. Im Zentrum stehen die Geheimnisse rund um das Schaffen und Werk des kulthaften Filmregisseur Stanislas Cordova. Der ich-erzählende Journalist Scott McGrath lässt von Beginn an tief blicken, indem er uns an seinem ersten Scheitern teilhaben lässt: Auf der Suche nach einem neuen Reportagethema stolpert er durch eine falsche Information über Cordova und wird prompt durch denselben wegen unlauterem Geschäftsgebahren verklagt. Er verliert auf ganzer Linie.

Die Geschichte ereilt ihn erst wieder an der Stelle, an der Cordovas Tochter – Ashley – nach einem scheinbaren Selbstmord tot aufgefunden wird. Durch diese Neuentwicklung aufgescheucht, nimmt McGrath seine Recherche rund um das Mysterium Cordova wieder auf. Er wird u.A. durch Ashleys ungewöhnliche Hinterlassenschaften (wer hebt denn ein altes Kuscheltier eines Toten auf und versendet es dann an einen alten Bekannten?) auf die Spur von Cordovas nahezu menschenverachtender Arbeitsweise gebracht. Bald keimt der Verdacht, dass es sich um okkulte und illegale Praktiken handelt.

Getrieben durch seinen Rachedurst lässt er sich, zusammen mit zwei Mitstreitern, ebenfalls auf immer grenzwertigere Recherchemittel ein.

Den außergewöhnlichen Sog der Geschichte machen nicht nur die spannenden Details rund um die Mitstreiter und Nebendarsteller aus, sondern auch die erschütternden Untiefen, die dem Leser aus dem Leben und Werk von Cordova erschlossen werden. Sehr bald wissen weder die Protagonisten selbst noch der Leser was Wirklichkeit ist und was Konstrukt von abschweifender Phantasie. In Summe also ein Buch, das man besser im Urlaub lesen sollte, denn ein Weglegen kommt nicht in Frage!