In der Haut von Deutschneulingen

Es hat ewig gedauert bis ich nach „Zwischenreise“ von Bernd Mittenzwei gegriffen habe. Mitgenommen hatte ich es auf der letzten BuchBerlin  – und die nächste ist schon vor der Tür!

Bei „Zwischenreise“ handelt es sich um einen Roman in Einfacher Sprache. Zumeist werden diese Bücher für Menschen geschrieben, die erst im Erwachsenenalter Deutsch lernen – sprich Migranten – oder auch Menschen mit einer individuell gearteten starken Lesebeeinträchtigung. Nach einem kurzen Gespräch am Stand der Buchmesse fand ich den Ansatz Erwachsenenliteratur mit einer tatsächlichen inhaltsreichen Geschichte an u.a. Migranten anzubieten einfach eine Maßnahme auf Augenhöhe. Durch die Produktion einer vernünftigen Spannungskurve und tatsächlichen inhaltlichen Nachricht an den Leser – nur eben in schlichter Wortwahl – kann tatsächlich zum Lesen in der neuen bzw. unvertrauten Sprache animiert werden. Dies wollte ich selbst erspüren, die Wortwahl kennenlernen und eine Idee für eine Geschichte, die auch in einfachen Worten wirkt, ausprobieren.

Zwischenreise

Cover Zwischenreise – edition naundob

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Blick ins Ghetto von innen

„Wir Tiere“ des Autors Justin Torres

Auf der Buchrückseite kann man eine Empfehlung der Vanity Fair lesen:
Ein unwiderstehlicher wilder Roman über das Erwachsenwerden, der Ihnen das Herz brechen wird.“ Zitatende.

Bevor der Roman mein Herz gebrochen hat, hat er es erfüllt. Erfüllt mit dem Blick eines heranwachsenden Jungen, der mit einiger inneren Distanz auf sich und seine Familie blickt. Weiterlesen

Ein Duft aus der Ferne

Buchtitel: Der Geruch von Häusern anderer Leute

Autor: Bonnie-Sue Hitchcock

Ist schon klar, das Buch von Bonnie-Sue Hitchcock ist eigentlich ein Buch für besonders junge Leser – findet sich eigentlich in der Sparte Jugendbuch im Netz wieder. Aber wer sagt denn, dass man bei 30+ nicht trotzdem dem Genre etwas abgewinnen kann und mit Freude darin schmöckert? Ich habe dies zumindest getan.der-geruch-von-husern-anderer-leute

Atmosphäre & Stil

Der Geruch von Häusern anderer Leute“ zaubert mit einem einfachen Stil und unkomplizierter Sprache eine dichte Atmosphäre. Das Buch besteht aus Erzählungen von mehreren Protagonisten. Wir begleiten diese jungen Menschen von Kind an bis in deren Jugend hinein – ohne langwierige, nahezu historische Erzählungen. Es sind eher kurze Einblicke und Ausrisse aus deren Leben. Stets blendet die Geschichte dort ein, wo es für den- oder diejenige besonders prägsam wird. Durch ausgezeichnete Wortwahl steige ich zumindest als Leserin trotz der Kürze gleich in die Wahrnehmung und Emotionswelt des jeweiligen Erzählers ein.

Die Plots des Buchs

Sei es die erste Einleitung, die erläutert wie Ruth mit ihrer Schwester dazu kommt von deren verkrampft religiöser, aber pflichtbewusster Großmutter großgezogen zu werden. Oder sei es die innere Auseinandersetzung von Alyce, die zwischen dem bildungsfernen Vater sowie dessen Leben als Fischer und ihrem eigenen Talent als Tänzerin wählen muss.

Weiter begegnen uns Dora, die bei einer liebevollen Nachbarsfamilie Unterschlupf vor einem prügelndem Vater gefunden hat und drei Ausreißerbrüder.
Die Geschichten der Erzähler verwickeln sich geschickt und so wird man ebenso geschickt in die einzelnen Plots reingezogen ohne die Spannung rund um den vorherigen zu verlieren.
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Migrantenleben zum Anhören

Hörbuch-Titel: Der Russe ist einer, der Birken liebt
Autor: Olga Grjasnowa

Sprecherin: Julia Nachtmann

Nicht ohne eine Prise Selbstsarkasmus berichtet uns Olga Grjasnowa in Romanform von dem Leben als vielsprachig aufwachsende, interkulturell bewanderte Migrantin. wp_20161112_11_34_29_proWieviel Autobiographie hier reinfliesst bliebe in einem Autorentreffen zu klären, Geburtsort und einige Grunddaten sind jedoch bei Autorin und dem Hauptcharakter des Buches nun mal identisch…;-)
Ich selbst empfand die beschriebene Zerrissenheit, die Heimatlosigkeit aber auch die hin und wieder aufkeimende Prise Arroganz und Übersättigung des Hauptcharakters, der jungen Mascha, glaubwürdig und nachvollziehbar. Wir lernen – in zeitlichen Sprüngen erzählt – dass die jüdische Aserbaidschanerin Mascha ein Trauma von klein auf mit sich schleppt, verursacht von Repressionen im Ursprungsland und Zwangsemigration. Wir lernen sie aber auch im anderen Erzählstrang kennen, wie sie mit starkem Leistungswillen an ihrer UNO-Karriere bastelt sowie sich eine glückliche bescheidene Beziehung aufbaut. Den Umbruch in der Geschichte liefert der unerwartete Tod des Freundes… Mascha begibt sich erneut auf die Suche oder auf die Flucht… dies bleibt Interpretationssache… Wohin es sie dabei verschlägt und wieso verrate ich hier nicht.

Stimmenbeurteilung Sprecherin:
Julia Nachtmann passt super zum Hauptcharakter der Geschichte. Ein wohliges Gänsehautgefühl auf dem Rücken bleibt aber bei der Stimmlage eher aus… wer eine tiefe Rauchigkeit oder gar einen klischeerussischen Akzent erwartet wird nicht fündig werden. Ich selbst brauche letzteres allerdings auch nicht und hätte es eher unangemessen gefunden…. naja, dies nur am Rande.