Berliner Vergangenheit mit einer Prise Schnee

Buchtitel: Der Eismann
Autor: Silja Ukena

Der Eismann von Silja Ukena

Der Eismann von Silja Ukena

Ein Berlinkrimi von einer Autorin, die gar nicht in Berlin wohnt (Hamburg & Paris isses eigentlich). Hmmm, ob das was kann, war da meine erste Reaktion. Aber dann doch! Der kann was!

Berlin kurz vor Weihnachten. Es ist trüb und nasskalt. Und Bruno Kahn – unser Grumpy-Chefermittler – würde am liebsten die Tage mit Flanieren durch die Berliner Strassen sowie einem obligatorischen Besuch beim Italiener verbringen.

Daraus wird sehr schnell nichts, als ein splitterfasernackter Rentner (ein Laubenkiecker) in seinem Häuschen gefesselt und tot aufgefunden wird. Dem rätselhaften Tod durch Unterkühlung wird sehr schnell ein Kontrast entgegengesetzt: Eine bekannte Opernsängerin stürzt aus ihrer Wohnung zu Tode. Die Obduktion ergibt vorhergehenden Betäubungsmittelkonsum.

Der Ansatz es Hauptcharakters

Unser leicht introvertierter und eher altmodischer Chefermittler muss sich diesen beiden Fällen in deren Gegensätzlichkeit im Team mit der vorerst undurchsichtigen, jungen Laura Conti stellen. Von dieser weiß er zunächst nicht, warum sie in seiner Truppe arbeitet. Hat man sie ihm zugeteilt, damit der Chef des Morddezernats einen besseren Einblick in Kahns Arbeit erhält? Die verschworene Truppe wird kritisch beäugt, doch ihre Erfolge waren bislang beeindruckend.

Im vorliegenden Fall tappen sie hingegen lange im Dunkeln, da zumindest die männlichen Opfer keine Vergangenheit zu haben scheinen. Erfreulicherweise schafft es der Roman die Spannung um die Hintergründe und geschichtlichen Verwicklungen sehr lange aufrechtzuerhalten, bevor dann die grausamen Details einer verhängnisvollen Geschichte bekannt werden.

Obwohl der Plot nicht zum aufdringlichen Berlin-Stadtführer mutiert, können Berliner oder Berlinliebhaber die Stadt und deren Stimmung in der Geschichte gut wiedererkennen. Ein Top und Daumen hoch von mir!

Der Bayer und die Sehnsucht

Buchtitel: Süden
Autor: Friedrich Ani

Ein reizvolles Leitthema füllt diesen Roman: Wie unerfüllte suden_aniSehnsüchte und Lebensentwürfe kollidieren können sowie was diese Kollision für Folgen haben kann. Der Titelheld wird als bayerische Version eines abgehalfterten Paul Temple aufgebaut, dessen ganz persönliche Leidensgeschichte ebenfalls durch unerfüllte Sehnsucht verursacht wurde. Sein Vater entschied sich für ein Leben auf Wanderschaft und verließ die Familie – im jungen Süden Fragezeichen, Vorwürfe und Leere hinterlassend. Wir gesellen uns zum Helden in einem Moment, in dem dieser scheinbar nach mehreren Lebensumbrüchen voller Widersprüche einen Job in einer Detektei antritt. Und wie es das Schicksal will, gleich mit dem Fall eines vor zwei Jahren verschwundenen Wirts und dessen Sehnsucht konfrontiert wird.

Stilistisch durfte ich eine auszughafte Schreibart von Herrn Ani kennenlernen, die durchaus zum Leitthema passt. Mal da, mal nicht da, einiges muß man folgern. Abschliessender Kommentar: Interessant werden das Buch vor allem Münchenfans finden…

Das Mørck-Dilemma wird fortgesetzt

Titel: Schändungadlerolsen_schandung

Autor: Jussi Adler-Olsen

Inhalt: Von Jussi Adler-Olsens zweitem Buch rund um Carl Mørck war ich zugegebener Maßen etwas enttäuscht. Das die Gewaltexzesse und kriminellen Machenschaften einer bis zum Erbrechen verdorbenen Internatsclique unentdeckt und vor allem ungestraft geblieben sein sollen, sprengt doch etwas meinen Sinn für Realitätsnähe.

Naja, jedenfalls wird in diesem Teil Carl Mørck durch einen anonymen Hinweis eines Polizeikollegen auf einen – eigentlich aufgeklärten – brutalen Mordfall an einem Geschwisterpaar vor zwanzig Jahren aufmerksam. Einmal angefangen zu bohren und zu graben, bröckeln die Beweise und auch das alte Geständnis eines angeblichen Täters erscheint suspekt.

Durch Perspektivenwechsel erhält der Leser kontinuierlich Einblick in die parallelen Ereignisse sowie die vergangenen tragischen Lebensepisoden rund um die, in der Obdachlosigkeit gestrandete, Cliquenaussteigerin Kimmie. Selbige Erzählerwechsel geben dem Leser Informationen zu den verbliebenen, mittlerweile mächtigen und stinkend reichen verbliebenen Cliquenmitgliedern. Alle Erzählstränge bewegen sich recht vorrausschaubar auf das große Finale zu. Die Geschichten der einzelnen Cliquenprotagonisten geben zu viel Information, um noch mysteriös zu bleiben und setzen eher auf Ekeleffekte. Auch das Ende ist trotz des angenehmen, leichten Leseerlebnisses diesmal zu durchschaubar. Hmm. Aber es gibt ja noch genug Folgeepisoden rund um Mørck, die das wieder ausbügeln können.

Brekke – zweiter Teil

Buchtitel: Kälteeinbruch

Autor: Jan-Erik Fjell

Inhalt:

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(c) Jäckel/Cover rororo

Anton Brekke stellt sich mir in diesem – eigentlich zweiten – Teil der Reihe des Norwegers Jan-Erik Fjell als der Antiheld schlechthin vor. Spielt, raucht, arrogant… und trotzdem zieht er gleich in seinen Bann. Wer von Euch Fan der BBC-Serie „Cracker“ ist, wird zumindest auf Verhaltensebene gleich ein Déjà-vu erleben. Auch die Einführung der anderen Hauptcharaktere lässt auf einen gelungenen Spannungsbogen hoffen…
…und knappe zwei Wochen Lesefortschritt später darf ich Euch diese Hoffnung als „bestätigt“ mit auf den Weg geben. Viel mehr noch. Jan-Erik Fjell erweist sich auch für die Nebenrollen als Spezialist für realistischen Charakteraufbau mit einem Händchen für eine glaubwürdige Handlungsentwicklung. Liebhaber von schlüssiger – sprich begründbarer oder nachvollziehbarer – Ereignisreihenfolge kommen in „Kälteeinbruch“ voll auf ihre Kosten. Allerdings sollte der Leser auch ein dickes Fell in Bezug auf die bedrückend echten Konsequenzen eines Lebens im kriminellen Milieu mitbringen…auch hier beschrieben ohne unnötige Blutrünstigkeit oder Sensationslust – eher mit einer sachlichen Bitterkeit.

Lest einfach selbst was Anton Brekke aus dem Mord an einem pensionierten Lehrer – kurzer Prozess, Kehle durchgeschnitten – macht.