Mittendrin Mittwoch reloaded

Es ist kurz vor Weihnachten, mein Terminkalender sieht den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr und meine arbeitsbedingte Bloggerzwangspause wurmt mich mehr denn je. Da ich aber nebenher sehr wohl einer spannenden Lektüre fröhne, melde ich mich hiermit auch wieder aus der Versenkung.

Juli Zeh ist die Autorin und damit Ihr es wisst – eine meiner absoluten Lieblingsliteratinnen. Ihr gerade erst im Luchterhand Verlag erschienenes Buch „Leere Herzen“ besticht (mich zumindest) mit einem gnadenlosen, messerscharfen Blick auf uns Menschen und unsere Gesellschaft.

Wer-was-wo?

Nehmen wir jedoch einen kleinen Schritt zurück und werfen einen klassischen Blick auf den Inhalt des Werkes und die Protagonisten. Wir befinden uns in einer nicht allzufernen Zukunft in Deutschland. Haupt(anti)heldin ist Britta. Desillusioniert, keine Träume, Mann, Kind und Co-Inhaberin eines blühenden Geschäfts.

Sehr schnell wird klar, dass „Die Brücke“ – so nennt sich das Kleinstunternehmen -ein rechtlich und moralisch fragwürdiges Geschäftsmodell verfolgt. Auf hier nicht näher zu beschreibende Art machen Britta und ihr Geschäftspartner Babak, ein Programmiergenie, Geld mit dem Selbstmord von Menschen. Sie fliegen gern unter dem Radar und müssen sich keine Gedanken mehr um Rechnungen machen.

Bis sie scheinbar Konkurrenz bekommen. Wer ist der vermeintliche Wettbewerber? Geht es nur darum? Oder um mehr?

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Copyright: Tim Marshall via unsplash.com

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Gib mir mehr

In meiner MittendrinMittwoch Aktion hatte ich Euch ja bereits zwischen die Seiten von „Pandora im Kongo“ von von Albert Sánchez Piñol mitgenommen.
Dieser kleine Teaser mit seiner hervorragenden sprachlichen Varianz und der Situation zum Schmunzeln baute sich schnell zu einem spannungs- und wendungsreichen Roman aus, den ich bei sprichwörtlich jeder Gelegenheit aufgeschlagen habe.Pandora im KongoWas glaubt Ihr wohl, warum ich zuletzt vom Lesen und den Lesern in der U-Bahn und dem öffentlichen Verkehr geschrieben habe? Gemessen an den verschiedenen Lesegelegenheiten, die ich zwecks Weiterkommen für dieses Werk ersonnen habe, müsste ich noch Artikel über Badewannen, Klobesuche, weggeschickte Kinder und Ehemänner verfassen. Heute nehme ich mir endlich die Zeit und erzähle Euch etwas mehr über Thomas Thomson und sein literarisches Abenteuer im Kongo. Weiterlesen

Schande

Titel: Schande

Autor: J.M. Coetzee

Nichts für sanfte Gemüter ist dieser Südafrikaroman. Er ist Vereinigung einer (leider  einseitigen) Darstellung der gesellschaftlichen Nachwehen der Apartheid und einer psychologischen Studie eines gnadenlos narzisstischen Uniprofessors. Diesem fliegen zu Beginn des Romans seine Affären mit seinen Studentinnen um die Ohren. wp_20161030_17_27_48_proEr ergreift sprichwörtlich die Flucht, nämlich auf´s Land zu seiner auf einer Farm lebenden Tochter. Mit deren Lebenswandel ist unser Narziss ebenfalls nicht glücklich, braucht aber gleichzeitig dieses Refugium. Die Interaktionen zu den farbigen Pächtern auf der Farm kommen als zweiter Handlungsstrang hinzu. Sie spitzen sich immer weiter in ein Machtungleichgewicht auf Seiten der Pächter zu und münden im gewaltsamen Finale zu dem ich hier aber nichts verraten möchte.

Ob ich das Buch empfehle?

Schwierig. Wie bereits angedeutet finde ich die Darstellung der Südafrikaproblematik leider einseitig. Auf der anderen Seite war es wohl nie die Absicht des Autors eine politisch erschöpfende, faire gesellschaftliche Darstellung zu verfassen. Ich denke er möchte vielmehr eine Sicht der Dinge in einer Geschichte rund um eine persönliche Neuorientierung darstellen. Rein stilistisch enttäuscht der Nobelpreisträger Coetzee nicht, der Spannungsbogen ist gelungen und die Geschichte verfügt über genügend Umbruch, um nicht zu früh zu durchsichtig zu werden. Also würde ich in Summe sagen: Ja, empfehlenswert vor allem für politisch-gesellschaftlich Interessierte mit nicht zu sanftem Inneren.

 

Trau ich mich?

Buchtitel: Die amerikanische Nacht

Autor: Marisha Pessl

Seit Zafons Meisterwerken hat kein Mysterythriller für eine solche Atemlosigkeit gesorgt wie das neue Buch von Marisha die-amerikanische-nachtPessl. Im Zentrum stehen die Geheimnisse rund um das Schaffen und Werk des kulthaften Filmregisseur Stanislas Cordova. Der ich-erzählende Journalist Scott McGrath lässt von Beginn an tief blicken, indem er uns an seinem ersten Scheitern teilhaben lässt: Auf der Suche nach einem neuen Reportagethema stolpert er durch eine falsche Information über Cordova und wird prompt durch denselben wegen unlauterem Geschäftsgebahren verklagt. Er verliert auf ganzer Linie.

Die Geschichte ereilt ihn erst wieder an der Stelle, an der Cordovas Tochter – Ashley – nach einem scheinbaren Selbstmord tot aufgefunden wird. Durch diese Neuentwicklung aufgescheucht, nimmt McGrath seine Recherche rund um das Mysterium Cordova wieder auf. Er wird u.A. durch Ashleys ungewöhnliche Hinterlassenschaften (wer hebt denn ein altes Kuscheltier eines Toten auf und versendet es dann an einen alten Bekannten?) auf die Spur von Cordovas nahezu menschenverachtender Arbeitsweise gebracht. Bald keimt der Verdacht, dass es sich um okkulte und illegale Praktiken handelt.

Getrieben durch seinen Rachedurst lässt er sich, zusammen mit zwei Mitstreitern, ebenfalls auf immer grenzwertigere Recherchemittel ein.

Den außergewöhnlichen Sog der Geschichte machen nicht nur die spannenden Details rund um die Mitstreiter und Nebendarsteller aus, sondern auch die erschütternden Untiefen, die dem Leser aus dem Leben und Werk von Cordova erschlossen werden. Sehr bald wissen weder die Protagonisten selbst noch der Leser was Wirklichkeit ist und was Konstrukt von abschweifender Phantasie. In Summe also ein Buch, das man besser im Urlaub lesen sollte, denn ein Weglegen kommt nicht in Frage!

Der Bayer und die Sehnsucht

Buchtitel: Süden
Autor: Friedrich Ani

Ein reizvolles Leitthema füllt diesen Roman: Wie unerfüllte suden_aniSehnsüchte und Lebensentwürfe kollidieren können sowie was diese Kollision für Folgen haben kann. Der Titelheld wird als bayerische Version eines abgehalfterten Paul Temple aufgebaut, dessen ganz persönliche Leidensgeschichte ebenfalls durch unerfüllte Sehnsucht verursacht wurde. Sein Vater entschied sich für ein Leben auf Wanderschaft und verließ die Familie – im jungen Süden Fragezeichen, Vorwürfe und Leere hinterlassend. Wir gesellen uns zum Helden in einem Moment, in dem dieser scheinbar nach mehreren Lebensumbrüchen voller Widersprüche einen Job in einer Detektei antritt. Und wie es das Schicksal will, gleich mit dem Fall eines vor zwei Jahren verschwundenen Wirts und dessen Sehnsucht konfrontiert wird.

Stilistisch durfte ich eine auszughafte Schreibart von Herrn Ani kennenlernen, die durchaus zum Leitthema passt. Mal da, mal nicht da, einiges muß man folgern. Abschliessender Kommentar: Interessant werden das Buch vor allem Münchenfans finden…