Ich & der Realitätsbezug bei Krimis

Der emotionale Impact von Krimiplots steigt mit starkem Realitätsbezug enorm. Hat so seine Vor- und Nachteile. Diese möchte ich gern mit Euch gemeinsam anhand meiner Rezi zu Rainer Wittkamps „Frettchenland“ näher anschauen.

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Originalcover – (c) grafit Verlag

 

Von Rainer Wittkamp lese ich nach und nach die Reihe rund um Kommissar Martin Nettelbeck. Dieser nicht regelkonforme, dafür mit Grips und Schneid ausgestattete Ermittler arbeitet sich seit seinem Reihenstart in „Schneckenkönig“ von Fall zu Fall aus seiner Abseitsposition zurück zum Starermittler. Dieses Mal treffen er und sein Partner Wilbert Täubner auf aalglattes Pflaster im Politikmilieu. Schönerweise darf bei den Geschichten und Fällen rund um Nettelbeck nicht nur gebibbert sondern auch geschmunzelt werden. In Frettchenland wird rund um den Mord an einer LKA-Kollegin im Einsatz gebibbert. Das Schmunzeln bleibt nicht aus, wenn es um die Nebenstories geht. Wie die um Norbert Füting, seines Zeichens parlamentarischer Staatssekretär. Er gerät immer weiter in Bedrängnis nachdem er feststellen durfte, dass man einer Praktikantin mit einem IQ von 159 keine Nacktselfies schicken sollte.

Aber zurück zum eigentlichen Mord.

Die LKA-Kollegin Lotte Weiland bezahlt einen nicht wirklich genehmigten Undercovereinsatz im Regierungsviertel mit dem Leben.

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Unterwegs im Regierungsviertel in Berlin – hier spielt auch der Fall in Frettchenland… (C) Foto R.Spielmann via Unsplash

Die Personenschützerin hat bei einem Bundestagsabgeordneten des Atommüllendlager-Kostenausschusses Daten entwendet, die ihr Mörder nur zu gern an sich nimmt. Ich verrate an der Stelle schon mal, dass der eigentliche Initiator ihres eigenwilligen Einsatzes ihr überambitionierter Freund – seines Zeichens ebenfalls LKA-Ermittler für Wirtschaftskriminalität – war. Dessen Karriereträume haben Lotte zu der Aktion getrieben und er wird sofort zur Persona non grata des Romans, sobald man als Leser seiner Reaktion auf den Mord gewahr wird. Von Trauer keine Spur, lediglich die Rettung des eigenen Hinterns und des Falles treiben den Herrn weiter an. So tut er einem auch im weiteren Verlauf des Buches an keiner Stelle seines Niedergangs leid. Genug hierzu.

Vom Realitätsbezug

Ich möchte gerne vom angekündigten Kampf mit dem Realitätsbezug schreiben. Die Gedankenwelt von Politikern, Lobbyisten, Verbandschefs und anderer Einflußnehmer zu lesen war nicht leicht. In ihrem Selbstbezug, ihrem Lebensmodell und ihrer Arroganz empfand ich sie als unglaublich getroffen. So manche Wutwelle schwappte über mich als steuerzahlenden Bürger  und so mancher Brechimpuls musste unterdrückt werden, wenn man die dekandenten Lunches der Aktuere und deren Austausch über „zu niedrige Gehaltsangebote von einer viertel Million“ mitliest. Nicht, dass ich da nähere Kontakte pflegen würde, aber als medienversierte Leserin stelle ich mir die Interaktionen unserer lieben politischen Player genauso vor… wenn sie mal wieder statt in die Plenarsitzung zur Gesetzesabstimmung lieber zum nächsten Vortrag eines extrem einflussreichen Verbandes fahren müssen…die Armen. Welchen Nachteil dieses Empfinden für mich nun hat? Ich hatte während der Lektüre hier und da mit der Trennung von unseren tatsächlichen aktuellen politischen Themen etwas zu kämpfen 😉 klare Gefahr von Realitätsverlust…kleiner Scherz.

…was gibt´s noch zum Buch?

Erwähnenswert ist noch der weitere Plot rund um Lottes Großmutter. Die wohlbetuchte Grandma wird durch den Tod der Enkelin aus ihrem depressionsbedingten Haschrausch gerissen und plant eine Ermittlung ihrer ganz eigenen Art. Schliesslich war sie mal erfolgreiche Sportschützin.

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In Frettchenland schwingt sich eine Großmutter zur Rächerin auf… (c) DXL via unsplash

Insgesamt plätschert der Fall so dahin. Die privaten Weiterentwicklungen der einzelnen Akteure geschehen irgendwie nebenher und spielen keine besonders dramatische Rolle in diesem Teil der Reihe.

Wer wird´s mögen?

Leser, die eine entspannte Urlaubslektüre suchen. Was für den Strandkorb eben. Mit 218 Seiten ist das Buch auch locker in paar Urlaubstagen verschlungen. Es macht nur eventuell nicht ganz so viel Spaß, wenn man die vorhergehenden Teile nicht kennt. Nachvollziehbar bleibt´s und die Berliner Schauplätze sind alle korrekt wiedergegeben und authentisch.

Hier nochmal der Link zum Verlag. Und nein, ist kein bezahlter Link. Mein Exemplar stammt aus der Stadtbibliothek und zählt einfach zu meinen Favoritenreihen.

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